Diese Woche hatte ich Gelegenheit, eine Fähigkeit zu üben, die besonders unangenehm erscheint und über die selten gesprochen wird, wenn es darum geht, sich durch das Unbekannte zu bewegen: die Fähigkeit, mich meinen zugrunde liegenden Zweifeln und Ängsten auf gesunde und befreiende Weise völlig hinzugeben. – Mich also zu ergeben. Oh, und „sich durch das Unbekannte zu bewegen“ ist etwas, das wir ständig tun, wir werden uns dessen besonders bewusst, wenn wir freiwillig oder unfreiwillig etwas Neues im Leben, im Beruf oder in unserem kreativen Prozess ausprobieren.

(Wenn Du hier bist, um mir beim Zeichnen der animierten Gifs auf meinem iPad zuzuschauen, kannst Du hier zum Ende des Beitrags und das Video springen).

Ein normaler Tag an der Oberfläche

Anfang der Woche, am Montag, erlebte ich einen jener Tage, an denen sich die Angst, die mit dem Unbekannten verbunden ist, langsam anschlich und im Laufe des Tages so anwuchs, dass ich schliesslich das Vergnügen hatte, mich ihr zu stellen. Zuerst bemerkte ich gar nicht, dass es einer dieser zerbrechlichen Tage sein würde. Ich ging meinen Tag so an, wie ich ihn mir in meiner neuen Routine vorgenommen hatte (die, in der ich mein Spielen und Werkeln und mein Sein mit anderen teile). Also drehte ich morgens ein Video, auf dem ich über den kreativen Prozess schrieb und zeichnete. Die Aufnahme wollte ich dann im Laufe der Woche bearbeiten und online teilen. Gegen Mittag holte ich unsere Tochter aus der Kita ab, kochte Mittagessen, baute mit ihr einen Zauberstab, hatte einen Zoom-Anruf und dann noch einen.

Zweifel und Angst unter der Oberfläche

Oberflächlich betrachtet sah es so aus, als würde ich einfach meinen Aktivitäten nachgehen, ganz wie geplant. Aber im Laufe des Tages bemerkte ich immer stärker diesen unterschwelliger Strom von Zweifeln und sogar Hoffnungslosigkeit, der sich immer mehr aufbaute. Ein großer Teil von mir war damit beschäftigt, diese Gefühle zu managen, sie zu unterdrücken, zu diskutieren und Schlussfolgerungen zu finden, um sie zum Schweigen zu bringen. Aber all diese Bemühungen meinerseits ließen meine Zweifel und Ängste natürlich unbeeindruckt und sie wurden immer stärker und stärker: Was tue ich hier? Wer braucht das? Wer interessiert sich für mein Spielen und Sein? Wem diene ich damit?

Das nützt niemandem etwas.

Ich bin zu nichts nütze.

Puh.

Das Unbekannte

Lass mich kurz mal anhalten und mit mir selbst emphatisch sein. – Es überrascht mich nämlich nicht, dass diese Gefühle von Selbstzweifeln und Scham bei mir unter der Oberfläche brodeln. Warum? Nun, weil ich etwas tue, das für mich unbekannt, enorm und beängstigend ist. Nachdem ich alle meine Kundenprojekte durch die COVID-19-Pandemie verloren habe, habe ich beschlossen, meine Arbeitszeit dem Spielen, Sein, Machen und Teilen zu widmen. Ich möchte meinen Impulsen beim Erschaffen von Dingen folgen. Und ich möchte es wagen, meinen Prozess und alles, was dabei herauskommt, mit anderen zu teilen. Obwohl ich schon immer im Hintergrund und halb-öffentlich gespielt und getüftelt habe, zum Beispiel durch meine Teilnahme an Inktober oder dem 100-Tage-Projekt, habe ich mich nie komplett dazu verpflichtet, dies zu einem festen Bestandteil meines Alltags und meiner Arbeitszeit zu machen und mich, meinen Prozess und meine Ergebnisse online zu zeigen. Ich zeige mich jetzt also und weiß nicht, wohin dies führen wird. So sehr ich damit auch dem tiefen Wunsch folge, ganz ich selbst zu sein, so sehr bin ich auch verängstigt und flippe in diesen unbekannten Gefilden innerlich aus.

Lass mich dies nur mal kurz mit einer großen Portion Freundlichkeit mir selbst gegenüber anerkennen.

Ergebe Dich

Zurück zu Montag. Als der Abend kam, beherrschten mich diese Gefühle so sehr, dass mir nichts anderes übrig blieb, als mich zu ergeben. Ich hörte auf, sie zu bekämpfen, wurde stattdessen emphatisch mit mir und ließ diese Gefühle voll und ganz in mir präsent werden. Wann immer sich Zweifel und Angst in meinem System aufbauen, kommt dieser Moment, wo ich aufhöre, sie zu unterdrücken und sie einfach sein lasse. Es ist der Moment, in dem ich es wage, das Unbekannte und ALLE damit verbundenen Aspekte zu fühlen. Gestern bedeutete das, dass ich in meinen Körper horchte und bemerkte:

  • Ja, ich habe Angst davor, meine Zeichnungen, Spielsitzungen, Texte und Videos zu teilen.
  • Ja, ich habe Zweifel.
  • Ja, ich habe keine Ahnung, wohin das alles führt.
  • Ja, ich könnte mich zum Narren machen.

Und als ich noch tiefer ging, stellte ich fest:

  • Ich schäme mich, dass ich während der Pandemie all meine Kundenaufträge verloren habe.
  • Ich schäme mich dafür, dass ich ahnungslos, verwirrt und nutzlos rüberkomme.
  • Ich habe Angst davor, das zu teilen, was mir am wichtigsten ist, und es dadurch irgendwie zu zerstören.

Und wieder:

Puh.

Wie man mit Empathie kapituliert

Die Art der Kapitulation, von der ich hier spreche, ist eine Körpererfahrung. Ich halte inne, richte meine Aufmerksamkeit auf die Zweifel und Ängste, die ich habe, und kämpfe nicht dagegen an oder verurteile sie, sondern lasse sie einfach sein. Als ich es diese Woche wagte, die körperliche Seite der Gedanken und Gefühle, die ich oben beschrieben habe, zu fühlen, war das weder ein dramatisches Ereignis, wie eine Explosion von Tränen und Schreien, noch war es so, als ob ich in einen bodenlosen Abgrund der Angst und Hoffnungslosigkeit stürzte. Ich empfand einfach Wellen der Traurigkeit, die meinen Körper durchzogen, mein Bauch kribbelte, vielleicht zitterte ich ein wenig. Alles in allem war es ruhig und unspektakulär, und doch fühlte es sich wie eine Erleichterung an. Mein Körper war so glücklich darüber, dass ich ihn alle Aspekte des Unbekannten spüren ließ: das Gefühl der Aufregung UND die Angst, die damit verbunden ist. Auf paradoxe Weise ist es also sehr leicht, aufzugeben… denn es bedeutet, einfach nichts zu tun oder besser gesagt, aufzuhören, all die zusätzlichen Dinge zu tun.

(Übrigens habe ich diese Weisheit, sich allen vorhandenen Gefühlen hinzugeben und sie im Körper zu spüren, von meiner wunderbaren somatischen Trainerin Rivka Halbershtadt gelernt.)

Warum Kapitulation gut ist

Diese Art des Sich-Ergebens ist gut. Für mich ist sie heilend, lebensbejahend und Teil des Vorwärtskommens durch das Unbekannte. – Es bedeutet nicht aufzugeben oder in eine Depression zu fallen, es ist das Gegenteil davon: es ist Energie und Leben. Alles zuzulassen, was ist, entlastet den Teil von mir, der mich schützen will, indem er versucht, die Ereignisse zu kontrollieren. Indem ich aufgebe, sage ich, ok, lass Angst und Scham und die schlimmsten Ergebnisse, die ich mir vorstellen kann, entstehen – ich kann all dies fühlen und es halten. Wenn ich mich mal ergeben habe, lächle ich meist. Ich erreiche dann einen Ort, der größer ist als meine Ängste und der sich spielerisch und frei anfühlt. An diesem Ort wiegt mein Wunsch, etwas zu erschaffen mehr als meine Ängste… oder vielleicht ist es eher so, dass die beiden miteinander verschmelzen, eins werden und ich so in der Lage bin, meinen Weg durch das Unbekannte fortzusetzen.

Scheitern ist eine Option

Was sich gestern auf dieser Reise durch das Unbekannte als meine große Angst zeigte, ist die Angst vor dem Scheitern. Zu scheitern hieße für mich, mich zu blamieren, mittelmäßige Arbeit zu leisten und dass meine Handlungen sinnlos, meine Ergebnisse wertlos sind. – Ergeben führt zu Integration. Ich begann, diese Angst vor dem Scheitern als Option zuzulassen, und dadurch löste sich ihr Klammergriff. Wenn ich das Scheitern in all seinen Facetten als Option erlaube, kann ich weitermachen und einfach Dinge erschaffen und teilen.

Wenn wir uns nicht ergeben, erstarren wir oder springen dorthin zurück, wo wir herkamen

Es gibt viele Werkzeuge und Techniken, die uns dabei unterstützen, uns im Unbekannten zurechtzufinden, wie z.B:

  • Den tieferen Beweggrund unserer Unternehmung verstehen
  • Greifbare und visuelle Techniken zur Ideengenerierung und Priorisierung einsetzen
  • Intelligente und ‚agile‘ Pläne schmieden
  • Gute Systeme und Gewohnheiten aufbauen
  • Unsere Begeisterung und Motivation anheizen
  • Teil eines unterstützenden Teams oder einer unterstützenden Gemeinschaft sein
  • und viele andere mehr

In meiner Arbeit mit Teams und Einzelpersonen setze ich diese Werkzeuge und Techniken oft ein und schaffe Formate und Materialien, die helfen, durch das Unbekannte zu navigieren… das Unbekannte bei der Entwicklung eines neuen Produkts, ein neues Projekt, eine neue Lebenssituation, das Unbekannte hinsichtlich der nächsten Schritte oder Ziele, die es zu erreichen gilt.

Eine Fähigkeit, über die dabei selten gesprochen wird, ist unsere Fähigkeit, uns den schwierigen Gefühlen des Zweifels und der Angst hinzugeben, denen wir im Unbekannten unweigerlich begegnen werden. Meiner Erfahrung nach ist es eines der kraftvollsten Werkzeuge für unsere Reisen durch das Unbekannte. Es ist die Fähigkeit, im Unbekannten zu sein und alles zu fühlen, was es zu fühlen gibt, während wir gleichzeitig einen Schritt nach dem anderen tun. Es macht mir, Dir und uns allen Angst, nicht zu wissen, wohin die Reise geht und und möglicherweise zu scheitern. Diese Angst, die unter der Oberfläche brodelt, übt eine starke Kontrolle über uns aus. Sie bringt uns dazu, zu zweifeln bis wir erstarren, oder sie lässt uns vorschnell zu einfachen oder vertrauten Lösungen greifen, die uns leider wieder an den Ort zurückführen, von dem wir gekommen sind, so dass wir wieder von vorne anfangen müssen. Sich unseren Gefühlen von Angst und Zweifel hinzugeben und die Möglichkeit des Scheiterns zuzulassen, ist unangenehm, ja, und gleichzeitig erlaubt es uns, den nächsten Schritt in der Dunkelheit zu wagen, weil wir eben nicht erstarren oder einfache Lösungen wählen.

Wie man merkt, dass es Zeit ist, sich zu ergeben

Es gibt für mich bestimmte Hinweise darauf, dass ich gerade zu sehr gegen unerwünschte Gedanken und Gefühle ankämpfe und dass es Zeit ist, nachzugeben:

  • Freudlosigkeit. Es wird immer anstrengender, das Projekt durchzuziehen, es fühlt sich zäh und wie eine lästige Pflicht an.
  • Ich stelle alles in Frage. Wegen des ständigen inneren Geplappers von Zweifel und Angst stelle ich alles in Frage, was ich tue, entweder im Gespräch mit mir selbst oder mit anderen, auf der Suche nach Orientierung.
  • Ich erstarre / gebe auf oder springe schnell auf sicheres und bekanntes Terrain.
  • Allgemeine miese Stimmung. Ich werde mürrisch, traurig oder wütend, obwohl ich doch das tue, was ich liebe.

Zusammenfassend und in Anlehnung an die Flow-Theorie bin ich dann einfach nicht im Flow bin. (Diese Merkmale kann man übrigens auch gut bei Teams beobachtet, die sich im Unbekannten befinden und gut daran täten, sich endlich zu ergeben.) Manchmal bauen sich diese Hinweise einfach so lange auf, bis sie unerträglich werden. Immer öfter gelingt es mir aber, sie frühzeitig zu bemerken und die zugrunde liegenden unangenehmen Gefühle bewusst aufkommen zu lassen. Ich stelle fest, dass es eine Art Tanz ist, bei dem ich ein paar Schritte ins Unbekannte gehe bis ich die oben genannten Signale, nicht im Flow zu sein, wahrnehme. Ich halte dann inne, ergebe mich und mache die nächsten Schritte. Und diese nächsten Schritte führen manchmal in eine ungeplante Richtung, die sich aus der Erfahrung der Kapitulation heraus neu ergeben hat.

Was sich diese Woche aus meiner Kapitulation ergab

Meine Kapitulation in dieser Woche führte dazu, dass ich diesen Blogbeitrag schreibe. Es ist nicht das, was ich für diese Woche geplant hatte, aber ich wollte das Konzept des Sich-Ergebens schon länger zum Thema machen, weil ich oft seine befreiende Qualität in mir und anderen erlebt habe. Mein Schreiben führte mich dann dazu, die animierten Gifs zu erstellen, die Du in diesem Blogbeitrag siehst. Auch nicht das, was ich für diese Woche geplant hatte. Ich habe also meinen Plan nicht durchgezogen. Das ist wahr. Aber wie genau plane ich für das Unbekannte? Ich kann nur meine beste Einschätzung abgeben, loslegen und dann mit dem arbeiten, was sich mir offenbart. Im Moment wartet niemand auf meine Blogbeiträge oder Spielereien mit Stift und Papier. Das Einzige, was für mich im Moment wichtig ist, ist, dass ich mich weiter durch das Unbekannte bewege und nicht erstarre oder zu dem zurückkehre, was sich sicher anfühlt. Bewegung bedeutet für mich, dass ich spiele und mache und ganz ich selbst bin. Spielen und Machen kann die kleinste Sache sein, wie zum Beispiel auch die animierten Gifs, die diese Woche entstanden sind.

Meiner Erfahrung nach sind diese winzigen Ergebnisse, die aus einem spielerischen Wunsch heraus entstehen, wie Brotkrumen, die nach vorne führen. Irgendwann in der Zukunft kann ich zurückblicken und sie aneinander reihen und werde sehen, dass sie bereits all die Weisheit enthielten, die ich jetzt noch suche – ich kann sie zum heutigen Zeitpunkt einfach nicht sehen, und das ist gut so. Indem ich mich diese Woche ergab, konnte ich einen nächsten Schritt in die Dunkelheit tun. Einen, der von meinem Wunsch geleitet war, mein Spiel und das, was für mich real ist, zu teilen. Mehr als das weiß ich zu diesem Zeitpunkt nicht.

Hier kannst Du sehen, wie ich die animierten Gifs zeichne:

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